55 Tage sind genug!

Von Julian Bernstein, Paris, 10. Mai 2020 / Dokument als PDF

Die letzte Lockdown-Woche war die härteste.

55 Tage – so lange dauert in Frankreich bereits die Ausgangssperre. Nach nun fast acht Wochen aufgezwungener Isolation, mehr als zehn Millionen Polizeikontrollen und Hunderttausender ausgestellter Strafen kommen viele Franzosen so langsam an ihre Grenzen – auch wir. Das letzte Mal, dass meine Frau und ich uns mit Freunden getroffen und unser Viertel verlassen haben, war bereits am 13. März. Seither leben wir in völliger Abgeschiedenheit, von den kurzen Besuchen im Supermarkt um die Ecke einmal abgesehen. Anfangs haben wir noch das beste aus der Situation gemacht. Macron schlug in einer seiner Reden vor, seine Zeit dazu zu nutzen, doch mal wieder ein Buch zu lesen. Den Tipp habe ich gerne beherzigt. Zudem muss ich gestehen, dass wir, meine Frau und ich, zuweilen gegen den Lockdown gesündigt haben. Die Ausgangsbescheinigung, auf der man u.a. vermerken muss, wann man das Haus verlässt, lässt sich natürlich auch mehrmals pro Tag ausdrucken und ausfüllen. Die erlaubte Stunde Auslauf pro Tag lässt sich so nach Belieben verlängern – vorausgesetzt, man hat nicht das Pech, zweimal hintereinander demselben Polizisten in die Arme zu laufen. Auch den erlaubten Bewegungsradius von einem Kilometer haben wir, zugegeben, nicht immer akkurat eingehalten. Die langweiligsten Spaziergänge der Welt – irgendwann waren sie uns doch zu öde. Verlockenderweise liegt nur wenige Hundert Meter neben unserer Wohnung ein kleiner Wald, dessen Betreten in Coronazeiten verboten ist, ganz so, als wäre dort das Infektionsrisiko größer als auf der Straße. Den Sinn dieses Verbots versteht niemand. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Band, das den Weg in den Wald versperren soll, jeden zweiten Tag aus Protest heruntergerissen wird. Irgendwann dachten daher auch wir, dass wir uns einen kleinen Ausflug durchaus erlauben dürften – der Beginn unserer schönsten Lockdown-Woche. Lange haben wir keine derart ausgiebigen Spaziergänge im Wald mehr unternommen, der dazu noch fast menschenleer war. Nur von Zeit zu Zeit trafen wir auf andere Regelbrecher, denen wir in der Regel wissende Blicke zuwarfen. Manchmal haben wir uns mit den anderen Sündern auch ausgetauscht, ob nicht doch irgendwo die Polizei lauert. Das war nicht der Fall – zumindest eine Zeit lang. Letztlich kam es so, wie es kommen musste: Eines Tages, als wir wieder einmal von der Straße in den Waldweg abbogen, mittlerweile völlig sorglos, hörten wir hinter uns eine wütende Männerstimme – per Lautsprecher. Dass das nur die Polizei sein konnte, war uns sofort klar. Ein wenig ängstlich, weil wir schon eine horrende Strafe auf uns zukommen sahen, traten wir aus dem Waldweg wieder auf den Bürgersteig. „Wollt ihr eine Strafe?“, schrie uns dann ein Polizist aus seinem Auto immer noch per Lautsprecher entgegen. Ein älteres Ehepaar, das in dem Moment an uns vorbeiging, schaute uns vorwurfsvoll an. „Nein“, riefen wir ein wenig übermotiviert. „Der Wald ist verboten!“, schrie der Polizist. Wir: d’accord, haben verstanden. Nach der Standpauke durften wir gehen – immerhin also keine Strafe. In der Öffentlichkeit per Lautsprecher angebrüllt zu werden, ist allerdings ärgerlich genug. Man fühlt sich schäbig, auch wenn man nur in den Wald wollte. Mit den Ausflügen ist es seither vorbei. Die letzten zwei Wochen haben wir uns wieder brav an die Bestimmungen gehalten. Gut tat uns das aber nicht. Haben wir anfangs noch darauf geachtet, zumindest die tägliche Stunde, die wir raus dürfen, auch voll auszunutzen, verstreichen nun mehr und mehr Tage, an denen wir einfach komplett zuhause bleiben. Wozu auch vor die Tür gehen? Es gibt schlichtweg keinen Grund.Ich bezweifle, dass es nur uns so geht. Laut einer Umfrage sollen 57 Prozent der Franzosen in den letzten Wochen im Schnitt 2,5 Kilo zugenommen haben. Verantwortlich dafür dürfte eine Mischung aus Bewegungsmangel, Schlafstörungen und Stress sein. Welche negativen Auswirkungen die acht Wochen Massenquarantäne langfristig haben werden, ist bisher nicht abzusehen. Jedenfalls ist es Zeit, den harten Lockdown zu beenden. Am Montag werden nun immerhin einige Bestimmungen aufgehoben. Wir können es kaum erwarten. (Julian Bernstein, 10.05.2020)

(Julian Bernstein, 10.05.2020)

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