ABGESAGT! Tagung: Der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch

Die Tagung ist wegen Coronavirus abgesagt!

Der Termin wird aber baldmöglichst nachgeholt, Infos dazu finden Sie hier auf unserer Seite.


Samstag, 14. März 2020 / 13 bis 19 Uhr
Stiftung Demokratie Saarland / Europaallee 18 / Saarbrücken

 

13. März 1920: Generalstreik gegen den Kapp-Putsch

Nur wenige Monate nach ihrer Gründung wird die Weimarer Republik von innen bedroht: Rechtsradikale Milizen und Freikorps und ihre politischen Bündnispartner wollen die Demokratie und Arbeiterbewegung zerschlagen. Gegen diesen sogenannten „Kapp-Putsch“, benannt nach einem Anführer der Putschisten, rufen die Führungen der Arbeiterparteien und die Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Am frühen Morgen des 13. März besetzt die 6ooo Soldaten zählende Marinebrigade Ehrhardt – deren Angehörige ein Hakenkreuz auf ihrem Helm tragen – das Berliner Regierungsviertel und ernennt den Generallandschaftsdirektor und Aufsichtsrat der Deutschen Bank Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Ihr Ziel ist die Beseitigung der Regierung und die Zerschlagung der Republik. Da die Reichswehr nicht bereit ist, gegen die Putschisten militärisch vorzugehen, flieht die Regierung aus Berlin. Am Nachmittag des 13. März rufen Siegfried Aufhäuser, der Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände“ (AfA), und der Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (ADGB), Carl Legien, gemeinsam zum Generalstreik gegen den Putsch auf: „Die deutsche Republik ist in Gefahr!“ Es ist die größte Streikbewegung der deutschen Geschichte, die in vielen Regionen und Städten zum bewaffneten Aufstand gegen die rechtsradikalen Freikorps und die sie unterstützenden Formationen von Sicherheitspolizei und Reichswehr führt.

Der Generalstreik zeigt Wirkung: Die Putschisten müssen nach vier Tagen aufgeben. In verschiedenen Regionen Deutschlands jedoch gehen die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militär und Arbeiterschaft weiter, am heftigsten im Ruhrgebiet, wo bis zu einhunderttausend bewaffnete Arbeiter (aus SPD, USPD und KPD) gemeinsam gegen die Putschisten Widerstand leisten. Die demokratische Republik wird durch den einheitlichen Widerstand der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gerettet. Nach Beendigung des Generalstreiks gehen die Kämpfe jedoch weiter. Die Forderungen der Volksbewegung nach Demokratisierung der Republik, nach Aufbau einer demokratischen Verwaltung und Armee, nach Sozialisierung der Schwerindustrie werden ignoriert. Im Gegenteil. Die Regierung in Berlin setzt die Reichswehr und die Freikorps, die gegen sie geputscht haben ein, um den Widerstand brutal zu zerschlagen.

Die damaligen Ereignisse und ihre fatalen Nachwirkungen stehen im Mittelpunkt unserer Tagung.

Es werden sprechen:
Klaus Gietinger über den Putsch und die Abwehrkämpfe
Martin Jander über den Generalstreik
Birgit Metzger über das Saargebiet und den Kapp Putsch
Joana Seiffert über die Erinnerung an Generalstreik und Aufstand

Wir bitten um Anmeldung für die Teilnahme an der Tagung: boell.stiftung(at)t-online.de oder über das Anmeldeformular:
https://www.stiftung-demokratie-saarland.de/vortraege/vortrag/der-generalstreik-gegen-den-kapp-putsch/
Eine Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung Saar in Kooperation mit der Stiftung Demokratie Saarland.

Bild: Lkw der Putschisten Mitte März 1920 auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Deutlich die Hakenkreuze auf den Stahlhelmen und dem Lkw. Bundesarchiv Bild 146-1970-051-65

Flyer zum Download (PDF)


Zu den Referenten:

Klaus Gietinger mit einem Überblick über den Putsch und die Abwehrkämpfe
Der Referent Klaus Gietinger ist Autor, Regisseur und Sozialwissenschaftler, mehrere Kinofilme, zahlreiche TV-Movies, Serien und 7 Tatorte (Buch und Regie), diverse internationale Preise. Nominiert für den Grimmepreis 2018 für den Dokumentarfilm „Wie starb Benno Ohnesorg – Der 2. Juni 1967“. Zahlreiche Sachbücher und zwei Romane. Mehr Infos: www.gietinger.de. Zuletzt erschienen: Klaus Gietinger: Der Kapp-Putsch 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee, Schmetterling Verlag, Stuttgart, Februar 2020

Martin Jander über den Generalstreik
Dr. Martin Jander, geboren am 21. Januar 1955, ist Historiker. Seine Dissertation verfasste er 1995 zum Themenbereich DDR-Opposition. Er unterrichtet moderne deutsche Geschichte im europäischen Kontext an den Dependancen der Stanford University und der New York University in Berlin sowie im Programm von FU-BEST. Jander arbeitete bis 2017 mit W. Kraushaar und T. Skelton-Robinson an einer Chronik des linken deutschen Terrorismus und seiner internationalen Verbindungen. Einzelne Ergebnisse des Projekts wurden bereits veröffentlicht. Martin Jander schreibt für den „Tagesspiegel“, die „Jüdische Allgemeine“ sowie die Internet-Plattformen „haGalil“ und „starke meinungen“. Seine letzte Publikation: Enrico Heitzer, Martin Jander, Anetta Kahane (Hrsg.), Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR, Frankfurt 2018.

Birgit Metzger über das Saargebiet und den Kapp Putsch
Birgit Metzger ist Kulturwissenschaftlerin und Historikerin. Ihre Dissertation verfasste sie zur Waldsterbensdebatte der 1980er Jahre. Sie forscht und lehrt zu Umweltgeschichte, sozialen Bewegungen und Protestkulturen sowie Unfall- und Risikogeschichte im 20. Jahrhundert. Nach Tätigkeiten am FRIAS und USIAS sowie der Universität Freiburg ist sie derzeit  wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes, wo sie ein Forschungsprojekt zum Bergbau in der Saarregion bearbeitet.

Joana Seiffert über die Erinnerung an Generalstreik und Aufstand
Joana Seiffert (Bochum) beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit der Rezeptions- und Erinnerungsgeschichte zum Ruhrkampf vom Frühjahr 1920. Nach wissenschaftichen Tätigkeiten am Bochumer Institut für Soziale Bewegungen sowie am Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum, ist sie derzeit Lehrerin am Hans-Schwier-Berufskolleg in Gelsenkirchen. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Erinnerungsorte. Chancen, Grenzen und Perspektiven eines Erfolgskonzeptes in den Kulturwissenschaften (Essen 2014) und hat im Rahmen von Zeit-Räume Ruhr (hg. von Stefan Berger u.a., Essen 2019) zuletzt über den Ruhrkapf als einen Erinnerungsort des Ruhrgebiets publiziert.


Im Folgenden finden Sie kurze Texte der Referenten als Einstieg in das Thema (Download als PDF).

Dr. Martin Jander: Siegfried Aufhäuser und die blockierte demokratische Erinnerungskultur  der deutschen Gewerkschaften

Dass die Weimarer Republik unterging und Hitler die Macht ohne entschiedenen Widerstand aus der deutschen Gesellschaft übergeben wurde, war nicht das Resultat eines zwangsläufigen Prozesses. Bei einem der ersten Versuche die nach dem 1. Weltkrieg gegründete demokratische Republik zu zerstören – am 13. März 1920, während des Kapp-Putschs – , hatte noch ein flächendeckender Generalstreik und Versuche den Generalstreik in eine zweite Revolution überzuleiten, die Machtübernahme rechter Kräfte verhindert.
Einer der entscheidenden Mitorganisatoren des Generalstreiks war der jüdische Sozialdemokrat Siegfried Aufhäuser, der 1920 gleichzeitig Vorsitzender des Allgemeinen freien Angestelltenbundes war. Seine Geschichte und die Geschichte des Generalstreiks gegen den Kapp Putsch sind in der heutigen Gewerkschaftsbewegung so gut wie vergessen.
Der konterrevolutionäre Putsch-Versuch von General Walther von Lüttwitz, Erich Ludendorff und Wolfgang Kapp brachte die Weimarer Republik an den Rand eines Bürgerkrieges. Die meisten Putschisten waren Reichswehrangehörige, Angehörige der alten Armee, Mitglieder von Freikorps und Mitglieder der Deutsch Nationalen Volkspartei. Sozialdemokratische Mitglieder der Reichsregierung mussten aus Angst um ihr Leben aus Berlin fliehen. Nach 100 Stunden aber brach der Putsch zusammen. Das war wesentlich dem von Siegfried Aufhäuser u. a. organisierten Generalstreik zu verdanken, dem größten Streik zur Verteidigung der Demokratie in der deutschen Geschichte. „Wäre es nach ihm gegangen“, sagte Willy Brandt bei der Gedenkfeier für den am 6. Dezember 1969 in Berlin verstorbenen Aufhäuser, „hätte es nach der Weimarer Republik keine Diktatur und keinen Zweiten Weltkrieg gegeben.“
Leider reichte die während des Generalstreiks 1920 gewachsene Autorität des SPD-Reichstagsabgeordneten Aufhäuser in den Jahren 1932/33 nicht aus, seine Mitstreiter für eine offensivere Verteidigung der Republik zu gewinnen. SPD und Gewerkschaften scheuten den Konflikt. Man fürchtete eine Niederlage.
Aufhäuser überlebte die Shoah im Exil und wurde zu einer lebenden Mahnung an diese „kampflose Kapitulation“, er hatte sie nicht gewollt. Vielleicht ist die Spur des linken Demokraten, der nach der Rückkehr aus dem Exil in Prag, Paris und New York die DAG in West-Berlin leitete, auch deshalb heute nur so schwer zu finden.
Angesichts aktueller Versuche die demokratische Republik erneut von rechts her zu zerstören, ist die Beschäftigung mit dem Widerstand gegen den Kapp-Putsch von mehr als nur historischem Interesse. Politische Konstellationen aus der Vergangenheit wiederholen sich nie. Ihre detaillierte Erinnerung jedoch ermöglicht politische Lernprozesse. Dass die Erinnerungskultur der deutschen Gewerkschaften Siegfried Aufhäuser und den Widerstand gegen den Kapp-Putsch heute kaum thematisiert, dass überhaupt politische Bildung in den Gewerkschaften heute zunehmend weniger Bedeutung hat, deutet auf einen blockierten Lernprozess in den Gewerkschaften hin.

Klaus Gietinger: Der Kampf der Arbeiter gegen den Kapp-Putsch vom März 1920 eröffnete Chancen zu wirklichen gesellschaftlichen Veränderungen. Die SPD-Führung, mit der Mordsoldateska der Freikorps verbunden, hintertrieb das.

Es war dies ein Gegner, der leider allzu bescheiden war.« Ein Gegner, der »vor allem etwas nicht wollte, nämlich den Krieg«. Das schrieb einer der geistigen Wegbereiter des Faschismus über die Revolutionäre des Jahres 1919 in Berlin. Erst an den »späteren Formationen des Kommunismus ist ein positiver und kriegerischer Wille zur Macht nicht zu verkennen«. Womit Ernst Jünger, neun Jahre nach dem Kapp-Putsch in seinem in Essen herausgegebenen Buch »Der Kampf um das Reich« – das den Hitlerputsch von 1923 verherrlichte –, die Rote Ruhrarmee meinte. Ihm schienen die »Spartakisten« des Januars und März 1919 in Berlin, aber auch die in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet viel zu human, um sich – wir versuchen uns in seiner Sprache – »durchzutanken«. Ihnen habe anders als 1920 der »kriegerische Wille zur Macht« gefehlt.
Das in scheinbarer Anlehnung an Nietzsche vorgebrachte Kompliment für die Rote Ruhrarmee, geht gleichwohl fehl, hauptsächlich fehl. Zwar mangelte es den radikaleren Kämpfern vor der Festung Wesel am Niederrhein, angefeuert von Polizeispitzeln wie Gottfried Karusseit, nicht an Entschlossenheit – es waren »linke Militaristen«, so Wilhem Pieck, die letztlich allein mit militärischen Mitteln den Sieg erringen wollten. Der Rest, und das war die übergroße Mehrheit der Roten Ruhrarmee, hatte indes nicht den Willen zur Macht, sondern wollte den preußischen Militarismus in Form der »Noskiden«, also in Form der Freikorps, zerschlagen. Dabei benutzte sie die Guerillamethode, wie sie Friedrich Engels schon 1848 als Mitglied und Kämpfer der pfälzischen Befreiungsarmee vorgeschlagen hatte. Vor den militärisch überlegenen und besser ausgerüsteten Blöcken der Freikorps wandte sie die Schwarmeinkreisung an, so dass diese ihre schweren Waffen oft nicht einsetzen konnten, gleichzeitig wichen die Rotgardisten taktisch immer wieder zurück, um die schwerfälligen, immer noch in der offenen Feldschlacht geschulten Soldaten des Ersten Weltkriegs ins Leere laufen zu lassen.
Diese Erfahrung sowie die antidemokratische Stoßrichtung der »Regierungstruppen«, die reaktionäre Gesinnung der Offiziere und Unteroffiziere, führte bei den Mannschaften zu Auflösungserscheinungen. Desertion war angesagt. Das »Gift des Bolschewismus«, wie dies die Putschisten und nicht nur die nannten, erfasste die weißen Garden. Es war aber nicht das Gift aus dem »Reich des Bösen«, sondern das Gegengift der Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

Gigantischer Streik
In den Vororten von Berlin, in Mecklenburg, Sachsen, Thüringen und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, im Kohlenpott, hatten Arbeiter spontan zu den Waffen gegriffen. Vorausgegangen war ein gigantischer Generalstreik. Auch der entwickelte sich zuerst aus spontanen lokalen Aktionen, wuchs dann durch die Unterschrift der SPD-Führung, durch die Aufrufe des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA), der christlichen Gewerkschaften, der SPD, der USPD und der KPD, aber auch durch Unterstützung der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Es kam zu einer letzten fragilen Einheit der Arbeiterklasse, die von Teilen des Bürgertums unterstützt wurde (DDP, Zentrum).
Vorderhand belegten die Reaktionen auf den Kapp-Putsch, dass breite Volksschichten zu den erreichten demokratisch-revolutionären Errungenschaften standen, sie sogar mit einem Generalstreik verteidigten oder sich wie die Verwaltung der Diktatur gegenüber zumindest passiv verhielten. Generalstreik und Volksbewaffnung gingen jedoch über die Abwehr des Putsches hinaus, die Massen verlangten jetzt eine grundsätzliche Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Ein schier unüberwindliches Problem war dabei der Pakt der Führung der SPD und der Führung von DDP und Zentrum mit den alten und den sich entwickelnden neuen militärischen Mächten, der schon im Winter 1918 geschlossen und im Januar bis Mai 1919 mit dem Blut von Tausenden ermordeter Menschen, dem »Gründungsmassaker der Weimarer Republik« (so der irische Historiker Mark Jones), besiegelt worden war.
Die Weimarer Koalition hatte sich nicht nur bedingungslos dem militärischen Apparat ausgeliefert, sondern sich auch mit ihm gemein gemacht. Den preußisch-deutschen Militarismus zu zerschlagen und eine demokratische Milizarmee aufzubauen – wie vom Reichsrätekongress (der zu zwei Dritteln aus SPD-Mitgliedern bestand) beschlossen und zuvor bereits im Erfurter Programm der SPD von 1891 gefordert –, verhinderte unter dem Druck der Obersten Heeresleitung (OHL) erst eine Notgemeinschaft aus SPD und USPD (Dezember 1918), dann eine reine SPD-Regierung (Weihnachten 1918 bis Ende Januar 1919) und schließlich eine preußennahe Regierungskoalition aus SPD, DDP und Zentrum. Der Terror der Freikorps, von der SPD-Führung bzw. von ihrem Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske, mit Unterstützung der OHL gegen die aufbegehrenden und das Parteiprogramm einfordernden Massen aufgebaut, wurde von der Regierung, dem Reichspräsidenten und der Fraktion der SPD gebilligt.
Dem Pabst/Noskeschen Terrorbefehl vom März 1919 kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Mit ihm wurden die Panzer, die Artillerie, die Flugzeuge, die Flammenwerfer, die MGs gegen die Bevölkerung eingesetzt. Nach dem Kampf setzte grenzenloser Terror ein – durch die Exekutionen, »Standgerichte«, durch »Fangschuss«. Es war ein Befehl zum Massenmord, ein Meilenstein auf dem Weg zum Faschismus. Ein Befehl, den die deutschen Militärs schon 1907 erwogen und gegen den Noske 1911 noch im Reichstag protestiert hatte. Im März starben in Berlin mindestens 1.200 Menschen, im Mai gab es in München etwa 1.000 Tote. Die Ausführung des Terrorbefehls wurde von Noske und Friedrich Ebert sanktioniert und von ersterem bis zuletzt auch als Zeuge vor Gericht verteidigt. Major von Lützow, Kommandant des gleichnamigen Freikorps, das 1920 auch im Ruhrgebiet mordete, drückte dies 1921 so aus: »Dass Noske in Berlin nach Niederschlagen der Unruhen vom März 1919 in einer Besprechung der Kommandeure uns seinen Dank ausgesprochen und dabei hinzugesetzt hat, er wäre der letzte, der hinter einem kleinen Leutnant wegen einer vielleicht nicht ganz gerechtfertigten Erschießung herlaufen und ihm den Prozess machen würde.« In einer seiner letzten Amtshandlungen gewährte Noske General Watter genau diese Straffreiheit im Ruhrgebiet.
Gleichzeitig unterstützten Noske, die Weimarer Koalition und die preußische Regierung den maßgeblich vom Ersten Generalstabsoffizier der Garde- Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), Walde- mar Pabst und den Generälen angestrebten Wiederaufbau einer durchmilitarisierten Gesellschaft mit Freikorps, Zeitfreiwilligen, Einwohnerwehren, Sicherheitspolizei (Sipo), Technischer Nothilfe, ja Wehrbauern. Erst die Alliierten und der Versailler Vertrag machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Militärischer Widerstand, auch ein Rückzug östlich der Oder mit Überfall auf Polen, wie es Kriegsminister Walther Reinhardt vorgeschlagen hatte, erschien, das wusste General Groener, aussichtslos. Nachdem Pabsts Garde-Kavallerie- Schützen-Division aufgelöst, ein Putsch Pabsts verhindert und im Oktober 1919 mit Unterstützung des ehemaligen OHL-Chefs Erich Ludendorff die antirepublikanische »Nationale Vereinigung« gegründet worden war, pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass ein Staatsstreich bevorstand. Oder wie es General Ernst von Oven vor dem Reichsgericht ausdrückte: »Dass wegen eines Putsches Abmachungen zwischen Kapp, Lüttwitz, Bauer, Pabst und Ehrhardt bestanden, war damals Tagesgespräch.«

Rote Flut
Nur Noske hatte angeblich davon nichts mitbekommen. In seiner Furcht vor dem Bolschewismus versprach er den Militärs den Fortbestand der Freikorps. Weder er noch Ebert hatten in ihrer Verblendung begriffen, dass die sich auch gegen sie wenden würden. Dass Figuren wie General Seeckt oder auch die Sicherheitspolizei sie nun im Stich ließen, war ihnen unbegreiflich. In allergrößter Not unterschrieben bzw. billigten Ebert und Noske den Aufruf zum Generalstreik, jenen Massenstreik also, den sie innerhalb der SPD gegen Rosa Luxemburg immer bekämpft hatten. Das war in den Augen des Reichspräsidenten und seines Reichswehrministers eine notwendige Sünde, die begangen zu haben sie, aus Berlin vertrieben, schon in Dresden leugneten und in Stuttgart nochmals abstritten.
Den Militärs – ob deren Kommandeure nun beim Putsch mitmachten, ihn billigten, mit ihm sympathisierten oder sich auf den Standpunkt von Ruhe und Ordnung zurückzogen – und natürlich nicht zuletzt den Freikorps erschien der Generalstreik gleichsam als eine rote Flut, die ihre militärische Macht angriff: Die geschlagenen Hunde fingen an, ihre Herren effektiv zu beißen, und nutzten dabei das, was sie im Weltkrieg auch von denen, die sie dahin getrieben, gelernt hatten: den Umgang mit Waffen. Und plötzlich, nicht wie 1919, verloren die Freikorps und Sipos und mussten die Waffen strecken, in Ostdeutschland, in Mitteldeutschland und im Westen. Sie standen vor der Auflösung, gerieten in Panik, schworen Rache. Während es ihnen 1919 im geschurigelten Bayern noch gelungen war, an der Macht zu bleiben, in Württemberg und Baden, in Hessen und Norddeutschland der bewaffnete Widerstand weitgehend ausblieb und im Osten, in Sachsen und Thüringen die Kraft der Arbeiterbewegung nicht ausreichte, die wahllos in die Menge schießenden Militärs gefangen zu nehmen, einige Obere zur Rechenschaft zu ziehen, gelang es im Westen, in Westfalen, im Ruhrgebiet, einen großen Landstrich unter die Kontrolle der Roten Armee und der Vollzugsausschüsse zu bringen.
Parallel zum Sieg im Ruhrgebiet brach aufgrund des Generalstreiks der Militärputsch in Berlin in sich zusammen. Kapp, Lüttwitz, Pabst und Konsorten flohen. Die Regierung saß jedoch noch in Stuttgart. Dies wäre jetzt die Stunde der Gewerkschaften gewesen und die Stunde der USPD, die in Berlin eine große Mehrheit hinter sich hatte. Es wäre auch die Stunde der sich neu formierenden Rätebewegung gewesen, ja auch die Stunde der KPD. Carl Legien, der Burgfriedensapostel, der Gewerkschafter, der mit dem Kapital im November 1918 einen Friedensvertrag geschlossen hatte, das »Stinnes-Legien-Abkommen«, lief ein letztes Mal zu Hochform auf und forderte eine Arbeiterregierung, eine Verfassungsänderung und wesentlichen Einfluss der Gewerkschaften.
Hätte die USPD unter Arthur Crispien nicht erst nein gesagt und dann verspätet ja, hätten die Räte, die USPD, Legien, der ADGB, die AfA den Streik fortgesetzt und vor allen Dingen nicht zugelassen, dass sich die Reichswehr neu formiert, hätten sich die Chancen auf eine basisdemokratische Veränderung der alten Machtstrukturen stark erhöht. Dazu hätte Reichsjustizminister Eugen Schiffer das Handwerk gelegt und Seeckt in den Ruhestand geschickt werden, ein USPD-Mann (z. B. Ernst Däumig) zum Reichswehrminister und ein republikanischer Offizier (z. B. Hans Paasche oder Hans-Georg von Beerfelde) zum Reichswehrkommandanten ernannt werden müssen. Die bewaffneten Arbeiter rund um Berlin hätten eine neue Regierung sicherlich geschützt, Sipo und die Brigade Ehrhardt mit der moralischen Autorität einer neuen Arbeiterregierung entwaffnet werden können. Statt dessen durfte Schiffer sich Seeckt als neuen Exekutor aussuchen und zusammen mit ihm den verschärften Ausnahmezustand ausrufen. Als dann die Regierung aus Stuttgart zurück war, war es schon zu spät. Die Front der Teilnehmer am Generalstreik bröckelte, der Massenausstand wurde schließlich um den 25. März 1920 abgebrochen. Der Abzug der Putschisten aus Berlin wirkte sich schließlich auch auf das Ruhrgebiet aus. Die Bürgerlichen stiegen aus den Kampfleitungen und auch aus den Ausschüssen weitgehend aus. Die Spontanität der Massen, die unabhängig von SPD, USPD und KPD den Generalstreik und vor allem den Kampf aufgenommen hatten, erlahmte mit der vermeintlichen Eroberung der Macht.
Die Ausschüsse, die Räte kontrollierten zwar die Verwaltungen und Gemeinderegierungen, es kam aber mit wenigen Ausnahmen weder zur Ausrufung einer Arbeiterdemokratie, einer Diktatur des Proletariats, noch übernahmen die Betriebsräte die Leitung der Betriebe. Dass aber die proletarischen Massen grundsätzlich nicht bereit gewesen seien, auch ökonomisch und politisch Revolution zu machen, also nicht nur die Armee zu demokratisieren, sondern auch Betriebe und Verwaltung, lässt sich nicht ernsthaft behaupten, denn sie hatten nur 14 Tage Zeit. Solche Vorwürfe dienen letztlich nur dazu, die SPD-Führung zu entlasten.

Severings Stunde
Die Rote Armee biss sich schließlich um den 23. März 1920 herum knapp nördlich der Lippe und vor allen Dingen vor Wesel fest und musste dort in den für sie äußerst ungünstigen Stellungskrieg übergehen. Auch Teile der SPD-Basis wollten nun, nachdem der Putsch abgewendet schien, ihren Frieden machen. Dies war die Stunde Carl Severings, der im Gegensatz zu Legien sich seiner Sache absolut sicher war und auch im Unterschied zu Noske in seinen Handlungen geschickter. Severing wollte von Anfang an die Arbeiterschaft spalten bzw. deren ja schon vorhandene und jetzt überdeckte Uneinigkeit nutzen. Erst wenn sie gespalten war, konnten sie von den »Regierungstruppen«, der zu 80 bis 90 Prozent aus Putschisten bzw. Freikorps bestehenden Armee und der ebenfalls putschistischen Sipo geschlagen werden. Die katastrophale Militärpolitik der SPD-Führung und der Weimarer Koalition, die Severing mitgetragen hatte, setzte ihn gleichzeitig extrem unter Druck. General Watter und seine rechtsdrehenden Befehlshaber entzogen sich Severing, der eine faule Kompromisspolitik betrieb, mehrfach und waren nach wie vor eine Bedrohung für ihn. Das galt auch als er preußischer Innenminister wurde und somit die Weisungsbefugnis über Watter hatte.
Man stelle sich nur kurz vor, Severing wäre kein rechter Sozialdemokrat gewesen, sondern einer, der Watter abgesetzt, die Freikorps aufgelöst und der Roten Armee, die ja nun beileibe keine bolschewistische war, die Hand gereicht hätte. Und in Berlin wäre eine Arbeiterregierung aus SPD, USPD und KPD zustande gekommen. Vermutlich hätte es dann mit den Freikorps etc. noch Kämpfe gegeben, aber die wären politisch, moralisch und militärisch zu gewinnen gewesen. Ein dritter Faktor waren die Alliierten, die einen Bolschewismus nach russischem Vorbild sicherlich nicht akzeptiert hätten, die aber eine demokratische Armee und die Sozialisierung des Bergbaus nicht als Einmarschgrund gesehen hätten. Da war der Respekt vor dem preußischen Militarismus durchaus größer. Dadurch, dass die bewaffneten Arbeiter im Osten des Landes letztlich nicht gegen die Reichstruppen durchdrangen, diese Kräfte mithin frei wurden, dadurch dass die Putschisten weg waren, die Arbeiterregierung in Berlin aber nicht zustande kam und die alte Regierung zurückkehrte, letztlich USPD und die Räte versagten, gerieten die Arbeiter im Ruhrgebiet in eine politisch wie militärisch ausweglose Situation. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als sich auf das von Severing vermittelte »Bielefelder Abkommen« einzulassen und glaubten, der SPD-Rechtsaußen werde nicht mit falschen Karten spielen, obwohl der immer eine militärische Lösung in Betracht gezogen hatte. Die Rote Armee tat das, was Severing kalkuliert hatte: Sie zerfiel. Viele hielten die Vereinbarung nach vier Jahren Krieg und zwei Jahren Klassenkampf für annehmbar. Doch mit dem »Bielefelder Abkommen« wurden die Arbeiter vorgeführt, angelogen und schließlich an die Wand gestellt. Die Kampfverbände und Räte, die die Übereinkunft erst gar nicht anerkannt hatten, waren zu schwach und dazu borniert, und die, die ihre Waffen wieder aufnahmen, als die Freikorps mordend einfielen, waren nun ebenso zu schwach und zu wenige. Der erneut aufgerufene Generalstreik erfasste mehr als 300.000 Menschen, konnte indes nicht lange aufrecht erhalten werden. Ob ein Rückzug in die Städte von Erfolg gekrönt gewesen wäre, sei dahingestellt. Aber weder die Regierung in Berlin noch die Freikorps-/ Reichswehrführung wollte sich je an das »Abkommen« halten. Die Freikorps wollten Rache und sie bekamen dafür von der durch Arbeiter geretteten Regierung alle Macht in die Hand, auch illegale Standgerichtserlasse und faktische Mordbefehle. Die Weimarer Koalition, die nur ein paar Köpfe ausgetauscht hatte, ließ nun die, welche gegen sie geputscht hatten, gegen ihre Retter los und ihnen freie Hand. Das funktionierte auch ohne Noske.
Fanal des Faschismus
Es waren dies profaschistische Verbände, die wie Epp, Oberland, die Tübinger Studenten und Loewenfeld das Hakenkreuz auf Waffen und Stahlhelmen trugen. Die Thule-Gesellschaft in München hatte es von völkisch-antisemitischen Ideologen aus Österreich (Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels) übernommen und es zu einem faschistischen Symbol gemacht, das Antisemitismus und Antibolschewismus verband. In diesem Sinne wurde es von der Brigade Ehrhardt und den anderen im Ruhrgebiet verwendet. Spätestens der Einsatz dieser Truppen ist die Geburtsstunde des deutschen Faschismus. »Terror demoralisiert«, hatte Rosa Luxemburg geschrieben. Die Arbeiterbewegung wurde dadurch nicht nur endgültig gespalten, sondern nachhaltig traumatisiert. Die Zahl der Todesopfer des Kapp-Putsches (etwa 2.600–3.000) und die der infolge der Zerschlagung der Novemberrevolution Getöteten sind im Vergleich zum Ersten Weltkrieg und anderen Bürgerkriegen ziemlich gering, aber die demoralisierende Wirkung des »Pardon wird nicht gegeben« und »Wir machen Matsch aus euch« war erheblich.

Auszug aus: Klaus Gietinger, Der Kapp-Putsch 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee, Schmetterling Verlag Stuttgart, Februar 2020.